Berliner Mauer -  im Herbst 1989



Klassische Fotografie - erklärt


"Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der Analogen- und der Digitalen Fotografie". Nun abgesehen davon, das wir den Begriff "klassiche Fotografie" für die Analoge Fotografie viel netter finden. So ein wenig verwundert einen die Frage schon. Bin ich wirklich schon so alt? Noch vor 15 Jahren kannte kaum jemand die digitale Fotografie - die war teuer und ganz elektrisch.

Um ganz nüchtern die Frage zu beantworten: Die analoge, klassische Fotografie arbeitet mit chemischen Filmen, die in die Kameras eingelegt werden. Die Digitalfotografie hat hier nur einen elektronischen Chip. Die Bilder entstehen anders, in der klassischen Fotografie: Man braucht ein Fotolabor, etwas Know-How, Übung und Zeit. Das ist richtig Kunst.

Heute machen die Handys jeden Tag viele Millionen von Knipsbildchen. Alle paar Minuten werden auf Facebook mehr Bilder hochgeladen, als im ganzen 18. Jahrhundert gemacht worden sind. Die digitale Flut an Schnappschüssen ist ein Tsunami: Und dann bleiben die Menschen vor einen klassischen Barytabzug stehen, und gucken und schauen, und wundern sich. Über die Schärfe, die technische Qualität, die Poesie der Grautöne und die Sinnlichkeit des Materials.





Es gab den Moment, da war die Zeit der grossen schnellen Teeklipper vorbei, und Schiffe wie die "Cutty Sark" Geschichte. Niemand brauchte mehr die pfeilschnellen Segler für den Teetransport über den Indischen Ozean nach England. Der Moment kam ziemlich plötzlich mit der Öffnung des Suezkanals und der Erfindung der Dampfschifffahrt um 1870. Einen vergleichbaren Schnitt hat die Fotografie auf Film auch mit den ersten Digitalkameras erlebt. Anfang des Jahrtausends wurden die riesigen Emulsionsfabriken bei Agfa und Kodak überflüssig. Doch so, wie mit dem Ende der Teeklipper die Zeit der Segelschiffe insgesamt nicht zu Ende war - so gibt es auch für die klassische Fotografie eine Zukunft.


Mit Know-How lassen sich bis heute immer noch bessere Ergebnisse erzielen, als mit den meisten Digitalkameras. Negative sind dabei sehr haltbare Speichermedien, klassische Kameras eine tolle Wertanlage. Kauft man heute für 800 Euro eine Digitalkamera im Fotofachhandel, kann man dem Gerät in den Monaten danach fast beim Wertverfall zusehen. Für den gleichen Betrag kann man eine tolle gebrauchte Rolleiflex erwerben - und das ist schlauer. Anstatt in Wertverlust zu "investieren", kauft man einfach ein bißchen Filmmaterial. Auch verschiedene Hersteller von Filmen haben inzwischen die Kurve gekriegt und konnten sich erfolgreich verkleinern. Das wichtigste Detail vielleicht: Sie machen wieder Gewinne. Die Klassische Fotografie wird Kulturgut - freuen Sie sich darauf.




Der Überfall ging ganz schnell. Mich bedrohte einer der jungen Herren mit einem schmutzigen Messer auf Bauchhöhe, meine Übersetzerin hatte ein Messer an der Halsschlagader - und das zweite bedrohte ihr Leben auf Höhe der Nieren. Opfer eines Verbrechens zu werden ist nie schön. "Mein" Überfall geschah vor vielen Jahren in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota. Ich wurde damals für etliche tausend Mark Kameraausrüstung los - und der Versicherungsschutz erwies sich als sehr ungenügend.

Wer glaubt, das Versicherungen solche Dinge ausreichend kulant regeln, freut sich auch noch über den Osterhasen. Ich verspreche Ihnen: SIE sind das Opfer eines Verbrechens - und der Vermögensschaden bleibt auch bei Ihnen hängen. Bei wem denn sonst? Jedenfalls ich habe aus dem ganzen Vorgang eines gelernt: Reise niemals wieder mit wertvollen Equipment in ein Land der Dritten Welt. Es sei denn, es geht nicht anders. Natürlich bestreite ich mein Tagewerk mit digitalen Kameras. Aber muss es das Neuste, Beste, Dollste sein?

Ich finde: am sichersten reist man in schwierigen Gegenden mit Wegwerfkameras und Einmalfilm. Diese kriegt man für ein paar Euro im Fotohandel. Wer auf besondere Filme oder auf Qualität wert legt, sollte sich mal auf Ebay nach klassischen Kameras umsehen. Mein Tip: Die alte Canon FD Baureihe bietet sehr viel für wenig Geld. Vielleicht lassen Sie aber die Finger von der Canon A-1. Das ist ein Stromfresser mit einer exotischen Batterie.

Die Original Canon FD-Festbrennweiten von damals sind schon richtig gut. Kaufen Sie aber besser KEINE Zoom-Optiken aus der Zeit. Die Computer der Konstrukteure waren in den 80gern nicht so weit: Man konnte Strahlengänge nicht so aufwendig berechnen, wie heute. Soll es ein wenig mehr Qualität sein, nehmen Sie doch einfach eine alte Rolleicord (6x6) mit ins Abenteuer. Eine technisch gute und auch schon ein äußerlich ein wenig angegammelte Kamera sollten Sie für etwa 200 Euro ersteigern können. Gerade die zweiäugigen Rolleis erweisen sich auch immer wieder als gute "Eisbrecher". Die meisten Menschen auf dem Globus sind nett, freundlich und hilfsbereit - mit einer alten Rollei kommt man mit den "Guten" schnell ins Gespräch.

Und sollten Sie an die falschen Herren geraten, geben Sie einfach ihren Kram innerhalb von Sekunden weg. Es gilt die Spielregel: Wer zögert oder diskutiert ist tot.





Wer weiß schon, wie lange Festplatten oder DVDs halten? Hat bitte irgend jemand eine Idee, ob sich das digitale "Jpeg" Format in einhundert Jahren noch öffnen lassen wird? Oder gibt es bis dahin dreißigmal neue Software? Gute Frage? Mir reicht es völlig, die Videofilmformate der vergangenen 35 Jahre anzuschauen: Japan Standard One, VCR, VHS, Betamax, Video 2000, U-matic, 1 Zoll Ampex - hab ich was vergessen? Selbst die "Cloud" im Internet ist für Fotos kein optimaler sicherer Speicher. Computerfreaks und Leute mit viel Zeit können vielleicht noch eine einigermaßen sicherere Datensicherung durchführen.

Und alle anderen? Sehen wir den Dingen ins Auge: die meisten digitalen Fotos im Jahre 2014 bleiben auf dem Handy, mit dem sie gemacht worden sind. Oft sind die Bilder dann nach zwei, drei Jahren verloren - wenn der Akku des Telefons in die Knie geht. Mein Vorschlag: Nehmen Sie doch einfach eine analoge, eine klassische Kamera in die Hand. Das ist nicht nur etwas für Künstler und Könner. Machen Sie damit ihre Familienbilder und alle Fotos die Ihnen wichtig ist. In langzeitfesten Negativformaten, auf Film - der hält schnell 150 Jahre und länger. Heben Sie die Abzüge im Schrank auf, die Negative bei Muttern oder Ihrem geschiedenden Ehepartner: Datensicherung fertig.





Irgendwo auf der Welt, um das Jahr 1860 - wahrscheinlich in England. Ein Foto eines jungen Mädchens: "Emily Ann Caswell, etwa acht Jahre alt" steht auf einem beiliegenden Zettel. Eine Daguerreotypie, ein altes historisches Verfahren - eine klassische Fotografie auf Zeitreise. Emily muss lange Sekunden still gesessen haben. Die Fotoplatten damals waren nicht sehr lichtempfindlich. Die Aufnahme ist vor dem Deutsch-Französichen Krieg (1870-1871), vor dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg gemacht worden. Wenn man den Namen "Emily Ann Caswell" heute in eine Suchmaschine eingibt, erscheint nur ein dürrer Eintrag aus den Unterlagen eines britischen Standesamtes oder Kirchenbuchs. Nur eines ist sicher: Emily Ann wäre heute über 150 Jahre alt - sie ist also schon lange verstorben. Die Fotoplatte zeigt noch keine Alterserscheinungen - das Bild von Emily Ann Caswell kann weiter auf Zeitreise gehen, vielleicht noch viele hundert Jahre lang.





Eine historische russische Kleinbildkamera. Um die Aufnahmeoptik sind kleine Messzellen für den Belichtungsmesser verbaut. Rein äußerlich könnte das Kamerasystem der Zukunft so ähnlich aussehen.


Vielleicht ist die digitale Fotografie schon tot! Zumindest so wie wir sie kennen. Nikon entwickelt angeblich in aller Stille eine Kamera, die unser Verständnis von Fotografie völlig verändern soll. Mein Tip: Die Neue ist technisch einem Insektenauge sehr ähnlich. Nennen wir das mal "Multilens Camera". Es gibt nicht mehr eine hochwertige Optik, die die Bilder auf einen hochwertigen Chip projiziert. Es gibt vier, acht, viele Linsen und Chips. Und die könnten dann aus sehr einfachem Material sein. Auch die Chips hinter den einzelnen Linsen müssen nicht mehr teuer sein. Der Produktionsfehler einer Einheit wird von den danebenliegenen Chip/Linsen-Einheiten herausgerechnet. Zu Ende gedacht: Die Kamera der Zukunft besteht aus einer Fläche mit hunderten von Chip-Linsenpaaren.


Und die Bilddatei? Das JPEG ist damit am Ende. Es wird ein neues Dateiformat geben. Die Bilder werden von vornherein als 3D-Information abgelegt. Dann ist der nächste Schritt nicht mehr weit. Aus dieser 3D-Raw Datei könnte man alle Bildanmutungen heraus ziehen, die man in der klassischen Fotografie kannte. Also - Effekte die durch Verschlusszeit, Brennweitenwahl und Tiefenschärfe entstehen, werden nur noch im Computer "entwickelt". Man gibt in der Software nur noch ein: 85 mm, 1.4 - das wars. Die Folgen: Die Kamera ist gar nicht so teuer. Sie paßt in das I-Phone des Jahres 2017. Alle Canon EOS, Nikon D3 und auch das 300 mm 2,8 sind Schrott - zumindest für die meisten Anwender. Wahrscheinlich werden gar nicht so wenige, anspruchsvolle Fotografen wieder Filme in alte Kameras einlegen. Weil nur dies dann Kunst ist - und weil das so schön war. Auch an mechanische Armbanduhren hat in den späten 70igern niemand mehr geglaubt - dann kamen sie wieder und sind heute teure Schmuckstücke. Es wird "Schmuckkameras" beim Juwelier geben. Leica macht das eigentlich schon heute.


Eine ähnliche Entwicklung hat es auch in der Musik gegeben. Als die ersten "Heimorgeln" aufkamem, haben die Deutschen ihre mechanischen Klaviere weggeworfen. Was für ein Fehler! Es waren richtig gute Stücke von Steinway und Bechstein darunter. Nach kaum zehn Jahren waren die Konzertflügel wieder gefragt - und aus der Heimorgel wurde eine völlig neue Musikrichtung: Techno und elektronische Musik. Ich denke, es lohnt sich unbedingt, die alten Kamera-Schätze aufzuheben. Und die Kunst rund um die klassische Fotografie mit ihren Barytabzügen ist vielleicht irgendwann so ein Begriff wie "Öl auf Leinwand".

Die Fotografie ist tot! Lang lebe die Fotografie!



Nachtrag am 09.10.2015 - Und da ist sie.
Ehrlich gesagt habe ich nicht so schnell damit gerechnet.









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